• Professor Dr. Jens Wetterau

Ernährung und Übergewicht

Interview mit Professor Dr. Jens Wetterau

Herr Professor Wetterau ist Diplom-Oecotrophologe und Hochschullehrer an der Hochschule Niederrhein, Fachbereich Oecotrophologie. Er ist Mitglied des Think Tanks und berät die Präventionswerkstatt bei der Konzeption innovativer Urlaubsangebote mit gesundheitlichem Zusatznutzen.

Herr Professor Wetterau, welche Risikofaktoren birgt Übergewicht für die Gesundheit?

Wetterau: Übergewicht kann mit Herz-Kreislauferkrankungen (z. B. Bluthochdruck, erhöhtes Schlaganfallrisiko), Diabetes mellitus Typ 2 (Zuckerkrankheit) sowie Fettstoffwechselstörungen einhergehen. Auch die Körperfettverteilung beeinflusst das Gesundheitsrisiko, so geht übermäßiges Fett am Bauch mit einem größeren Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen einher als Fett an den Oberschenkeln. Stark übergewichtige (adipöse) Menschen mit einem Body-Mass-Index (BMI) über 30 sind zusätzlich von einer dauerhaften Be- und Überlastung der Muskel- und des Skelettapparates betroffen. Zusätzlich besteht die Gefahr bei stark übergewichtigen Personen, dass sie psychische Leiden bis hin zu Depressionen entwickeln.

Wann würden Sie raten, das Gewicht zu reduzieren und welche Vorgehensweise empfehlen Sie?

Wetterau: Das ist sehr individuell und hängt auch vom persönlichen Wohlfühlgewicht ab. Grundsätzlich sollte man aber abnehmen, wenn das vorliegende Gewicht mit einem erhöhten Gesundheitsrisiko einhergeht (v.a. bei adipösen Personen ab einem BMI von 30). In den Adipositas-Leitlinien findet man den Hinweis, dass bei einem BMI > 30 auf jeden Fall Reduktion notwendig ist. Dadurch lässt sich das Morbiditäts- und Mortalitätsrisikos reduzieren. Bei einem BMI zwischen 25 und 30 muss nicht zwangsläufig Gewicht reduziert werden, sondern nur dann, wenn Risikofaktoren wie z.B. Bluthochdruck vorliegen oder enormer psychosozialer Druck (z.B. bei Frauen) besteht. Eine Gewichtsreduktion ist auch dann angezeigt, wenn bereits entsprechende Erkrankungen (z.B. Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes mellitus Typ 2) aufgrund des Übergewichts in Erscheinung getreten sind.
Ein BMI im Normalbereich (18,5 bis 25) ist anzustreben, um das Körperfett im Normalbereich zu halten. Als Strategie zur langfristigen Gewichtsreduktion – wobei dies individuell jeweils noch einmal unter ärztlicher Begleitung überprüft und angepasst werden muss, bspw. im Hinblick auf den Grad und die Ausprägung des Übergewichts – empfiehlt sich folgendes Vorgehen:

  • Reduktion der Energiezufuhr um ca. 500 kcal
  • Hoher Gehalt an Nährstoffen:
  • Ausreichend Protein (fettarme Milch‐, Fleisch‐ und Fischprodukte); zur Erhaltung bzw. zum Aufbau von Muskelmasse
  • Reduktion der Fettmenge (Pflanzliche Öle und Fette); (ca. 0,8 – 1 g pro kg Körpergewicht)
  • Ausreichend Kohlenhydrate (Vollkornprodukte, Gemüse, Obst); ansonsten erfolgt Abbau der Muskelmasse
  • Ausreichend Vitamine und Mineralstoffe (Gemüse, Obst)
  • Ausreichend trinken (kalorienarme Getränke)
  • Das Essen sollte trotzdem schmecken und satt machen

Warum kommt es bei einer Diät häufig zum Jojo-Effekt?

Wetterau: Eine Diät stellt einen zeitlich begrenzten Extremzustand in der Ernährung, der in aller Regel von Verzicht geprägt ist, dar. In vielen Fällen sind die mit einer Diät verfolgten Ziele wie sehr deutliche Gewichtsabnahme bis hin zum Idealgewicht zu hoch gesteckt und demnach nicht realisierbar. Über Jahre hinweg angefutterte Pfunde können nicht innerhalb weniger Tage in der gewünschten Form abgebaut werden. Die anfängliche Euphorie – begleitet von kleineren Erfolgen in der Gewichtsreduktion – weicht dann schnell der Realität. Der wahrgenommene Misserfolg, der zudem als individuelles Versagen und persönliche Niederlage interpretiert wird, führt zu Aussagen wie: „Wenn meine Diät sowieso nicht funktioniert, esse ich einfach so viel, wie ich will. Es bringt ja sowieso nichts.“ Es kommt zur weiteren Gewichtszunahme und dem so genannten Jojo-Effekt. Nach einiger Zeit folgt dann durch die aufkommende Unzufriedenheit mit sich und dem eigenen Gewicht die nächste erfolglose Diät. Auf Dauer ergibt sich ein Teufelskreis von gescheiterten Diäten, der neben einer dauerhaften Gewichtszunahme oftmals auch zu psychischen Belastungen im persönlichen Umfeld führt.

Der Jojo-Effekt lässt sich wie folgt erklären: Wenn häufig im Jahr kurz dauernde Reduktionstage eingeschaltet werden, passiert folgendes im Körper: zuerst wird Wasser, dann Muskelmasse abgebaut. Es kommt zum Gewichtsverlust, die Reduktion wird abgebrochen und die normale Ernährung geht weiter. Damit Körperfett abgebaut werden soll, muss aber die Reduktion länger durchgeführt werden. Um die Muskelmasse weitgehend zu erhalten, ist Sport sinnvoll. Wenn aber kein Sport getrieben wird und alle zwei bis drei Monate eine kurzfristige Fasten- oder Reduktionskur eingelegt wird, verliert der Körper im Laufe der Zeit immer mehr an sog. "fettfreier Masse". Das führt dazu, dass der Grundumsatz fällt und das bedeutet, dass die Gewichtszunahme immer schneller erfolgen kann. Auch zunächst erfolgreiche Diäten sind demnach zumeist nur von kurzem Erfolg, da sich über die Zeit bei vielen die alten Ernährungsgewohnheiten wieder einschleichen. Die Verhinderung des Jojo-Effektes ist auf Dauer nur umsetzbar, wenn die eigene Ernährungs- und Lebensweise auch langfristig und kontinuierlich gesundheitsorientiert angelegt ist. Darauf zielen auch innovative Urlaubsangebote ab, die derzeit in Nordrhein-Westfalen entwickelt werden.

Beim Abnehmen denkt jeder sofort an schmale Kost und Hungern - wie passt das mit Urlaub zusammen?

Wetterau: Urlaub ist auch eine Zeit der Muße – Stichwort: Entschleunigung. Hier bietet sich dem Urlauber die Möglichkeit, sich intensiv mit sich und seinem Körper auseinanderzusetzen. In unserem hektischen Alltag werden Speisen und Getränke oftmals „nur schnell eingeworfen“, z. B. als Fastfood oder „To-go-Artikel“. Auch das Thema Bewegung und Sport kommt meistens zu kurz. Durch maßgeschneiderte und passgenaue Leistungsangebote im Urlaub kann dieser negativen Gesamtentwicklung bewusst gegengesteuert werden.

Mein Fazit: Eine individuelle Gewichtsregulation zum Wunsch- bzw. Normalgewicht gibt es nicht auf Knopfdruck. Im Urlaub können hierfür wertvolle Anregungen gegeben werden, die dann über die Zeit auf das „Leben nach dem Urlaub“ übertragen werden können und sollen. Kurzfristig angelegte „Hau-Ruck-Methoden“, die auf Hungern und schmale Kost ausgerichtet sind, werden in aller Regel keine mittel- bis langfristigen Erfolge erzielen können. Ein Aufzeigen eines grundlegenden gesundheitsorientierten Lebensstils (v.a. im Hinblick auf Ernährung und Bewegung), der auch nach dem Urlaub noch umsetzbar und somit realistisch und realisierbar ist, ist hierbei der richtige Lösungsweg.

Herr Professor Wetterau, wir danken Ihnen für das Gespräch.