• Dr. med. Christian Stock

Mentale Entspannung und Burn-out-Prävention

Interview mit Dr. med. Christian Stock

Herr Dr. Stock ist leitender Oberarzt der Abteilung Psychosomatik an der Berolina Klinik in Löhne bei Bad Oeynhausen. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören die psychosomatischen Folgen von dauerhaftem Stress. Herr Dr. Stock ist Mitglied des Think Tanks und berät die Präventionswerkstatt bei der Konzeption innovativer Urlaubsangebote mit einem gesundheitlichen Zusatznutzen.

Herr Dr. Stock, Stress ist offenkundig ein Problem, das uns alle bewegt. Ab welchem Punkt sollte man gegensteuern?

Stock: Eine klassische Definition bezeichnet Stress als Überlastung der Bewältigungskompetenz. Die Belastbarkeit ist bei den Menschen unterschiedlich ausgeprägt, daher gibt es keine pauschale Antwort auf diese Frage. Jeder ist verschiedenen Belastungen ausgesetzt, aber da die Leute unterschiedlich reagieren, kommt es zu einer unterschiedlichen Beanspruchung. Wie man beim Sport durch Training Kondition aufbaut, so kann man die psychische Belastbarkeit steigern oder trainieren. Das ist auch ein Ansatz der neuen gesundheitstouristischen Angebote für Nordrhein-Westfalen.

Welche gesundheitlichen Konsequenzen hat dauerhafter Stress?

Stock: Stress kann die verschiedensten Reaktionen auslösen, wobei jeder Mensch seine persönliche Sollbruchstelle hat. Im Prinzip kann jeder Teil des Organismus betroffen sein. Auf körperlicher Ebene sind es Kopfschmerzen, Rückenschmerzen, Verspannungen, Tinnitus oder hoher Blutdruck. Auf der mentalen Ebene zeigen sich kognitive Beeinträchtigungen wie beispielsweise Konzentrations- und Gedächtnisstörungen. Häufig ergibt sich auch die ganze Spannbreite von negativen Gefühlszuständen, wie Ängste, Depressionen und Wut. Manche Leute sind stärker körperlich betroffen, andere mehr emotional oder mental.

Ab wann spricht man vom Burn-out-Syndrom?

Stock: Burn-out ist die Folge von chronischem Stress. Es gibt Fragebögen, mit denen man sein persönliches Burn-out-Risiko bestimmen kann. Anders als beim Bluthochdruck oder beim Diabetes gibt es jedoch keinen Grenzwert, mit dem man ein Burn-out-Syndrom feststellt. Das macht es auch relativ schwierig, diese Erkrankung zu fassen und zu messen. Wichtig ist bei der Burn-out-Prävention die „Work-Life-Balance“: Solange die Leute Regenerations- und Ausgleichsmöglichkeiten haben, können sie den anfallenden Stress normalerweise wieder ausgleichen und kompensieren. Ein Problem entsteht dann, wenn der Stress anhaltend ist, nie aufhört und immer wieder etwas Neues dazukommt. Letztlich geht um diesen Wechsel zwischen Anspannung und Entspannung. Deswegen besteht die Behandlung unter anderem im Training von Entspannungsverfahren. Jede Maßnahme zur Stressbewältigung ist gleichzeitig eine Maßnahme zur Burn-out-Prävention. Es sind zwei unterschiedliche Vokabeln für die gleiche Sache.

Welche Maßnahmen zur Burn-Out-Prävention empfehlen Sie?

Stock: Bei der Stressbewältigung geht es um die Veränderung der Rahmenbedingungen, das bedeutet, dass es wichtig ist an sich selbst zu arbeiten. Es müssen nicht immer Umwelt oder Chef sein, durch die man in den Burn-out getrieben wird, sondern es geht auch immer um die eigenen Grundüberzeugungen. Die Burnout-Forscher sprechen von Selbstverbrennern und Fremdverbrennern. Ein Fremdverbrenner wird von außen so lange angetrieben, bis er irgendwann an seine Grenze kommt und nicht mehr kann. Der Selbstverbrenner bringt sich selbst in diese Lage und läuft Gefahr, die eigenen Grenzen nicht zu kennen und daher ständig zu überschreiten, bis der Zusammenbruch kommt. Der Ansatz ist bei der Burn-out-Prävention oder Stressbewältigung ist es festzustellen, worin die Belastungen überhaupt bestehen. Es kann Betroffenen helfen, eine Stressanalyse zu machen, eine Art Bestandsaufnahme oder Bilanz zu ziehen, wo sie sich gerade befinden und was dazu geführt hat, dass sie in einen solchen Zustand geraten sind.

Kann man Maßnahmen zur Burn-out-Prävention in einem Gesundurlaub gut umsetzen oder ist es nicht besser, wenn man einfach nur die Seele baumeln lässt?

Stock: Natürlich ist auch das Regeneration und Stressbewältigung – aber es ist unsystematisch und unstrukturiert und bringt meist keinen längerfristigen Erfolg. Das ist auch das Problem vieler Burn-out-Betroffener. Sie werden krankgeschrieben, sind zu Hause und haben überhaupt keine Belastung. Weil sie aber in dieser Zeit nicht an sich gearbeitet haben und kein strukturiertes Programm hatten, sind sie nach ein paar Wochen trotzdem immer noch völlig erledigt. Im Rahmen eines Gesundheitsurlaubs kann ich mir eine Art Intervallprogramm vorstellen, das aus einem drei- bis viertägigen Basisprogramm besteht, nach drei Monaten kann dann noch einmal ein Refresher-Kurs angeboten werden. Es muss eine Mischung aus Bewegung und Entspannung sein. Biofeedback, aber auch klassische Methoden wie Yoga oder Autogenes Training können hier zum Einsatz kommen. Die Leute müssen sich mit ihren persönlichen Stressmustern beschäftigen und ergründen, ob sie ungünstige Haltungen und Einstellungen haben. Es ist wichtig, dass man in einem solchen Gesundheitsurlaub „Hausaufgaben“ bekommt, um erlernte Übungen zu Hause weiterzumachen, damit man nicht wieder an einen kritischen Punkt gelangt.

Herr Dr. Stock, wir danken Ihnen für das Gespräch.